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DW trennt sich von Bolsonaro-kritischem Journalisten

DW trennt sich von Bolsonaro-kritischem Journalisten

In einem Tweet hatte der brasilianische Schriftsteller J.P.Cuenca einen historischen Satz von Jean Meslier zitiert: "Il serait juste que les grands de la terre et que tous les nobles fussent pendus et étranglés avec les boyaux de prêtres." und diesen auf den rechtsradikalen brasilianischen Präsidenten Bolsonaro gemünzt: "O brasileiro só será livre quando o último Bolsonaro for enforcado nas tripas do último pastor da Igreja Universal", in etwa: "Der Brasilianer wird erst frei sein, wenn der letzte Bolsonaro an den Gedärmen des letzten Pastors der Igreja Universal (Pfingstlerkirche, siehe unten*) gehängt worden ist". Cuenca erklärt seinen Satz als Reaktion auf die Nachricht, dass die brasilianische Bundesregierung 30 Millionen Reais (gut 4,88 Millionen Euro) für Radio- und Fernsehsender evangelikaler Pastoren freigegeben habe, die Präsident Jair Bolsonaro unterstützen. Er habe der DW einen Text zur Klärung angeboten.

Stattdessen hat die Deutsche Welle nun Fakten geschaffen: „Die Deutsche Welle gibt bekannt, dass sie die vierzehntägliche Periskop-Kolumne von J.P. Cuenca nicht mehr veröffentlicht, nachdem der Kolumnist in einem privaten Profil in sozialen Netzwerken eine Botschaft geschrieben hat, die gegen unsere Werte verstößt. Die Deutsche Welle lehnt selbstverständlich jede Art von Hassreden und Aufstachelung zur Gewalt ab. Das universelle Recht auf Presse- und Meinungsfreiheit wird natürlich nach wie vor gewahrt, aber es gilt nicht für solche Äußerungen."

Eine inhaltliche Auseinandersetzung ist der - mit dem Datum 18.6. versehenen - Bekanntmachung der DW ebensowenig zu entnehmen wie ein Verweis auf den inkriminierten Tweet. Dadurch wird den Leser*innen der nötige Kontext vorenthalten. Die  von der Deutschen Welle per Dienststempel exekutierten Werte bleiben abstrakter Natur, das macht es problematisch.
Dagegen benennt der Schriftsteller, was fehlende Menschenrechte bedeuten. In seinen Beiträgen (auch für die Deutsche Welle) thematisiert er Rassismus, fehlende Rechtsstaatlichkeit und die Verherrlichung des Nationalsozialismus in Brasilien durch Bolsonaro und seine Anhänger. Deren Hass ist ihm bisher schon sicher gewesen.
Nun gesellt sich Schadenfreude hinzu, beflügelt vom Verhalten der Deutschen Welle. So gratuliert der Sohn des brasilianischen Präsidenten der Deutschen Welle: "Es gibt immer noch Hoffnung in einigen Teilen der Medien, die in ihrer Arbeit ein Minimum an Ethik und Respekt walten lassen. Daumen hoch!"

 Mittlerweile haben sich zahlreiche Persönlichkeiten aus der Literaturszene in Brasilien und Deutschland sowie weitere Unterstützer*innen in einem offenen Brief an die DW gewandt.**

 

 Anmerkungen:

*Die Igreja Universal ist eine Pfingstlerkirche mit Sitz in Rio de Janeiro: Schwulenfeindlichkeit paaren sich in ihrer Ideologie mit der Verherrlichung individuellem materiellen Reichtums: Ein idealer Nährboden für die Politik des rechtsradikalen Präsidenten Bolsonaro.

**Offener Brief an die Deutsche Welle Brasilien zur Verteidigung von João Paulo Cuenca

"Berlin, den 26. Juni 2020

Sehr geehrte Damen und Herren

als wir die Nachricht erhielten, dass sich die Deutsche Welle von ihrem Kolumnisten João Paulo Cuenca trennt, dem "Hassreden und Aufstachelung zur Gewalt" vorgeworfen werden, waren wir schockiert. João Paulo Cuenca ist ein in der internationalen Literaturszene anerkannter Schriftsteller, auch wegen seiner Position zur Verteidigung der Demokratie, insbesondere seit Beginn der brasilianischen Krise durch die umstrittene Amtsenthebung von Dilma Rousseff. Er ist Autor mehrerer Artikel, die sich kompetent mit dem politischen Panorama Brasiliens auseinandersetzen, stets als Fürsprecher von Demokratie, Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit.

Der umstrittene Tweet "Der Brasilianer wird erst frei sein, wenn der letzte Bolsonaro an den Gedärmen des letzten Pastors der Igreja Universal gehängt worden ist" ist ein intertextuelles Spiel mit dem historischen Satz von Jean Meslier und seinen künstlerischen Variationen und Aneignungen im Laufe der Zeit: "Es wäre gerecht, dass alle Großen der Erde und alle Adligen mit den Gedärmen der Priester erhängt und erwürgt werden sollten.“ (Im Original: "Il serait juste que les grands de la terre et que tous les nobles fussent pendus et étranglés avec les boyaux de prêtres."). Man kann darüber diskutieren, ob dieses Wortspiel als gelungen oder geschmacklos, schlecht formuliert oder schlecht kontextualisiert betrachtet werden kann. Wenn man das Werk von João Paulo Cuenca kennt, kann dieser Satz jedoch nicht als Aufstachelung zum Hass interpretiert werden. Aus diesem Grund hat die einseitige Entscheidung der Deutschen Welle bei uns Besorgnis in Bezug auf Meinungsfreiheit und Zensur ausgelöst. Wir bitten die für diese Entscheidung Verantwortlichen, ihre Motive zu überdenken, und dabei im Blick zu behalten, dass der Schriftsteller João Paulo Cuenca eine unverzichtbare Stimme ist, um die Verbrechen gegen die Menschenrechte, antidemokratische Maßnahmen und Machtmissbrauch brasilianischer Politiker anzuprangern.

Wir sind Leser und Leserinnen der Deutschen Welle, und wir verbreiten die auf Ihrer Website veröffentlichten Nachrichten, weil wir sie für zuverlässig, differenziert und gut geschrieben halten. Gerade in dieser Zeit der schweren Krise in Brasilien und in der Welt brauchen wir analytische und mutige Stimmen, wie die dieses brasilianischen Autors, und wir möchten die in den Medien der DW veröffentlichten Artikel von João Paulo Cuenca weiterhin lesen."